Hass darf nicht das letzte Wort haben

Kerze (c) Mario Hellebrandt
Kerze
Datum:
Do. 30. Juli 2026
Von:
Heinz Intrau

Ein persönlicher Kommentar zum Terroranschlag beim Berliner CSD

Der Terroranschlag im Umfeld des Christopher Street Days in Berlin erschüttert und macht mich tief betroffen. Eine Frau wurde getötet, viele Menschen wurden verletzt und traumatisiert. Menschen, die miteinander feiern, für ihre Rechte eintreten und sichtbar machen wollten: Wir gehören zu dieser Gesellschaft.

Warum tun Menschen so etwas?

Was haben homosexuelle, transgeschlechtliche oder andere queere Menschen einem Täter getan? Sie haben ihm nichts getan. Sie wollten leben, lieben und als die Menschen anerkannt werden, die sie sind. Sie wollten ohne Angst auf die Straße gehen können.

Niemand darf angegriffen, bedroht oder verachtet werden, weil er einen Menschen gleichen Geschlechts liebt. Niemand darf um sein Leben fürchten müssen, weil seine Herkunft, seine Religion, seine Hautfarbe oder seine Lebensgeschichte anderen nicht passt.

Und doch müssen wir feststellen: Die Feindlichkeit in unserer Gesellschaft nimmt zu. Jüdinnen und Juden erleben wieder offenen Antisemitismus. Menschen werden wegen ihrer Herkunft beschimpft. Geflüchtete und Menschen mit ausländischen Wurzeln werden pauschal verdächtigt. Queere Menschen werden bedroht, angegriffen und öffentlich herabgewürdigt.

Viele Angehörige von Minderheiten fragen sich inzwischen, ob sie in Deutschland noch sicher sind. Sie überlegen, ob sie ihre religiösen Zeichen tragen, ihre Partnerin oder ihren Partner auf der Straße an der Hand halten oder offen sagen können, wer sie sind.

Das darf uns nicht gleichgültig sein.

Unsere freiheitliche Demokratie ist nicht selbstverständlich. Sie lebt davon, dass Menschen für sie eintreten. Sie wird schwach, wenn die Mehrheit schweigt, während Minderheiten beleidigt, ausgegrenzt oder bedroht werden.

Wir dürfen nicht zulassen, dass extremistische Kräfte unsere Freiheit mit Füßen treten – ganz gleich, ob ihr Hass rechtsextrem, linksextrem, islamistisch oder durch eine andere menschenverachtende Ideologie begründet wird. Dabei dürfen wir weder Religionen noch Bevölkerungsgruppen pauschal unter Verdacht stellen. Schuld trägt der Täter, nicht eine ganze Gemeinschaft.

Aber wir müssen uns ehrlich fragen: Wollen wir wirklich in einem Land leben, in dem radikale Kräfte bestimmen, wer dazugehören darf? In dem Menschen wieder Angst davor haben müssen, anders zu sein? In dem Hass zur politischen Methode und Gewalt zum Mittel der Auseinandersetzung wird?

Nein. Ein solches Land dürfen wir nicht wollen.

Die Worte unseres Diakons Franz-Josef Kempen machen nachdenklich. Er schreibt über die vielen unterschiedlichen Lebenswege, denen er begegnet ist, und erinnert daran:

„… alle gehören zu denen, die Gott nach seinem Bilde geschaffen hat.“

Das ist der entscheidende Maßstab unseres christlichen Glaubens. Die Würde eines Menschen hängt nicht davon ab, ob sein Leben meinen persönlichen Vorstellungen entspricht. Sie hängt nicht von Herkunft, Religion, Geschlecht oder sexueller Orientierung ab. Jeder Mensch ist ein Geschöpf Gottes.

Jesus hat uns nicht aufgetragen, andere Menschen zu verachten oder auszugrenzen. Sein Weg ist eindeutig: nicht richten, sondern lieben; nicht verletzen, sondern heilen; nicht Mauern errichten, sondern aufeinander zugehen.

Unsere Gedanken und Gebete gelten der getöteten Frau, ihrer Familie und ihren Freunden. Sie gelten allen Verletzten und Traumatisierten, den Augenzeuginnen und Augenzeugen sowie den Rettungs- und Einsatzkräften.

Wir beten auch für alle, deren Denken durch Hass und menschenverachtende Ideologien vergiftet wird. Das bedeutet nicht, ihre Taten zu entschuldigen oder das Leid der Opfer zu relativieren. Es bedeutet, dem Hass nicht zu erlauben, auch unsere eigenen Herzen zu beherrschen.

Beten allein genügt jedoch nicht. Unser Gebet muss Folgen haben: Wir müssen widersprechen, wenn Menschen herabgewürdigt werden. Wir müssen denen beistehen, die Angst haben. Wir müssen demokratische Freiheit verteidigen und uns jeder Form von Menschenfeindlichkeit entgegenstellen.

Christinnen und Christen dürfen nicht schweigen, wenn die Würde von Menschen angegriffen wird.

Hass darf nicht das letzte Wort haben. Das letzte Wort müssen Menschlichkeit, Recht und Freiheit haben – und für uns Christen: die Liebe.

 

Heinz Intrau

Leitender Pfarrer

Pastoraler Raum Herzogenrath

 

 

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Das Attentat beim CSD in Berlin

Ein sehr persönlicher Kommentar

 

Ich bin nun fast 50 Jahre verheiratet, mit Kindern, Schwiegerkindern und Enkelkindern gesegnet. Also eine recht traditionelle Lebensentwicklung.

Und doch habe ich in meinem Leben viele Menschen mit anderen Lebensverläufen kennengelernt: Menschen, bei denen die Beziehung nicht gehalten hat, Menschen, die von einer instabilen Beziehung in die nächste gerutscht sind, Menschen, die sich zum Menschen des gleichen Geschlechtes hingezogen fühlen, Menschen, die sich in ihrem geschlechtlichen Leib „falsch fühlen“. 

Darunter waren reiche Menschen und arme Menschen, inhaftierte Männer, glückliche und unglückliche Personen, zufrieden und unzufriedene.

…und alle gehören zu denen, die Gott „nach seinem Bilde“ geschaffen hat. So ist ihnen zu begegnen – und ich finde, das gehört auch zum Auftrag Jesu an uns. Nicht richten, sondern lieben sollen wir den Anderen!

So denke ich in dieser Nacht an alle die Menschen, die bei dem Attentat in Berlin getötet, verletzt und traumatisiert wurden … aber auch an den oder die, die zum Hass auf andere Menschen verführt worden sind. 

Lasst uns für alle (!) beten … und uns offen verhalten.

Ihr/Euer Diakon Franz-Josef Kempen